Die Entwicklung der Nervenklinik seit 1962

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Im Jahr 1962 entstand ein Neubau (Kosten: 824.000 DM) für zwei offene Stationen mit jeweils 26 Betten, wodurch eine Gesamtkapazität von 113 Behandlungsplätzen erreicht wurde. Eine weitere Erhöhung der Bettenzahl ergab sich durch den Auszug der neurologischen Stationen und Anbau zweier offener Behandlungsbereiche im Jahr 1964.

In dieser Zeit wurde begonnen, neben der rein medizinisch-psychiatrischen Therapie verstärkt auch psychotherapeutisch/ psychosomatische Behandlungsformen zu praktizieren. Obwohl man damals schon die Notwendigkeit einer intensiven Nachbehandlung bzw. ambulanten psychiatrischen Betreuung chronisch psychisch Kranker erkannte, war es kaum möglich, in diesem wichtigen Versorgungsbereich aus der Klinik heraus effektiv tätig zu werden. Das defizitäre Versorgungsangebot im nachstationären (ambulanten) Bereich änderte sich letztlich nur wenig durch die bahnbrechende Einführung der Psychopharmaka. Durch den Einsatz neuroleptischer Medikamente konnte zwar die Aufenthaltsdauer wesentlich verkürzt werden, doch erhöhte sich andererseits leider in vielen Fällen die Wiederaufnahmerate; man spricht hier vom sog. "Drehtüreffekt".

Bis Mitte der 60er Jahre wurde der Einzugsbereich Hannover von insgesamt drei Kliniken psychiatrisch versorgt:

  • dem Nds. Landeskrankenhaus Wunstorf,

  • den Wahrendorffschen Krankenanstalten Ilten

  • der Nervenklinik Langenhagen.

Diese Situation änderte sich, als im Jahre 1965 die Medizinische Hochschule Hannover (MHH) gegründet wurde, von der auch eine psychiatrische Klinik eingerichtet wurde. Die Universitätsklinik beschränkte sich nicht auf Forschungsaufgaben und Lehrverpflichtungen, sondern beteiligte sich auch an der Versorgung der Region, so dass die stationäre psychiatrische Versorgung von nun an durch vier klinische Institutionen sichergestellt werden konnte.

Jedes der genannten Krankenhäuser ist heute zuständig für einen festgelegten Sektor der Stadt Hannover. Der Einzugsbereich der Langenhagener Klinik reicht dabei von Norden her bis ins Zentrum von Hannover, zusätzlich werden dort aber auch Bürger der Stadt Langenhagen und der Gemeinde Isernhagen behandelt. Insgesamt besteht eine Aufnahme-verpflichtung für rd. 300.000 Bürger. Hin und wieder werden auch Personen aus angrenzenden Regionen (vor allem aus der Wedemark) übernommen, für die keine Versorgungs-zuständigkeit besteht. Dies trifft insbesondere für solche Patienten zu, die bereits früher in der Nervenklinik Langenhagen behandelt worden waren und für die eine sog. Betreuungskontinuität ausgesprochen wichtig ist.

Bei der Umstellung auf das erwähnte Sektorprinzip der Zuständigkeit erwies sich Hannover in den 70er Jahren als besonders fortschrittlich. Durch verschiedene Maßnahmen gelang es seitdem, die gesamte regionale psychiatrische Versorgungs-struktur Hannovers erheblich zu verbessern, so dass der erwähnte "Drehtüreffekt" ein Stückweit gedrosselt werden konnte. Wichtig war, dass für jedes Standardversorgungsgebiet ein sozialpsychiatrischer Dienst als Beratungsstelle eingerichtet wurde, wo im Vorfeld einer stationären Behandlung, besonders aber auch im Bereich der Nachsorge wesentliche sozialarbeiterische, psychologische und psychiatrische Aufgaben übernommen wurden. Ebenfalls bedeutsam waren - und sind natürlich auch weiterhin - der Ausbau und die Pflege der Zusammenarbeit mit niedergelassenen Nervenärzten/Psychiatern und anderen Berufsgruppen bzw. Institutionen, die Aufgaben im Bereich der Versorgung psychisch Kranker wahrnehmen.

Abgesehen von der stetigen Verbesserung von professionellen Kontakten zu den an der regionalen Versorgung beteiligten Einrichtungen und öffentlichen Stellen hat es die Klinik immer auch als ihre wesentliche Aufgabe betrachtet, die eigene Struktur zu optimieren, d.h. ihre Behandlungsangebote dem Bedarf im Einzugsgebiet und damit den Bedürfnissen der von ihr versorgten Patienten anzupassen.

Im Jahre 1972 - ärztlicher Klinikleiter war inzwischen Prof. Dr. Werner Stucke (Februar 1972 bis Juli 1986) - hatte sich der Rat der Stadt Hannover für die Beibehaltung des Standortes der Langenhagener Nervenklinik entschieden, wobei diese einen gemeindenahen psychiatrischen Versorgungsauftrag erfüllen sollte. Zwischen 1972 und 1974 wurde in Abstimmung mit dem Land Niedersachsen eine Zielplanung zur Sanierung der Altbauten und zum stufenweisen Ausbau der Fachklinik auf eine Größe von ca. 300 Betten entwickelt. Anfang April 1973 wurde eine teilstationäre Tages- und Nachtklinik in dem vom Altenzentrum Eichenpark übernommenen Fachwerkhaus (früheres Wohnhaus der Grafen von Rohde, erbaut 1779) eröffnet. Diese Einrichtung stellte jeweils 15 Plätze für Tagesklinikpatienten und Betten für nacht-betreute Patienten bereit. Somit standen insgesamt 143 Behandlungsbetten/-plätze für psychiatrische Patienten zur Verfügung.

Im April desselben Jahres wurden im Siloah-Krankenhaus 12 Betten für Drogenabhängige als sog. "Vorlauf-Station" eingerichtet, deren verwaltungsmäßige aber auch ärztlich-pflegerische Betreuung die Nervenklinik übernahm. Im Oktober 1974 erfolgte die Vorlage des Bauprogramms für die erste Errichtungsstufe eines neuen Zentralgebäudes, in welchem zwei Intensiv- bzw. Aufnahmebereiche, diagnostische und therapeutische Funktionseinrichtungen, Personalbereiche und die Klinikverwaltung untergebracht werden sollten. 

Zwei Jahre später (August 1976) wurde ein anderer Gebäudetrakt fertiggestellt und in Betrieb genommen, in dem bis zu 30 Drogen- und Alkoholkranke behandelt werden konnten. Die Kosten für diese Modelleinrichtung des Landes Niedersachsen betrugen 1,65 Mio. DM; sie wurden teilweise aus Fördermitteln des Bundes bestritten. Durch die genannte Erweiterung erreichte die Nervenklinik ein Bettenvolumen von 173.

Da sich im Laufe der Zeit die örtliche Lage der Tages- und Nachtklinik als verkehrstechnisch ungünstig erwiesen hatte - z.B. mussten die meisten dort betreuten Patienten von der Hannoverschen Innenstadt her lange Anfahrtswege in Kauf nehmen -, suchte man nach einem stadtnahen Standort für die Tagesklinik und fand schließlich ein Gebäude in der Königstraße 6A, welches nach der Sanierung bezogen werden konnte. Für den Umbau des Hauses - unweit vom Hauptbahnhof Hannover - mussten 821.000 DM aufgewendet werden. Kurz darauf wurde die "Tagesklinik Königstraße" am 1. April 1978 mit insgesamt 60 Behandlungsplätzen als Zweigstelle der Nervenklinik offiziell eröffnet. In der Tagesklinik werden nach wie vor mehr als 50 Patienten auf 3 Stationen vorwiegend gruppentherapeutisch (z.B. mittels Ergotherapie und anderer tagesstrukturierender Aktivitäten) behandelt, wobei rund ein Drittel der Plätze für Patienten mit zusätzlicher Alkoholerkrankung reserviert ist. Ziel der Tagesklinik als einem Glied in der sog. "therapeutischen Kette" von der Klinik zurück in die normale Lebenswelt ist die allmähliche Heranführung des psychisch Kranken an die Herausforderungen des Alltags. Gerade nach längeren Krankenhausaufenthalten fällt vielen Patienten, obwohl die akuten Symptome verschwunden sind, die Wiedereingliederung recht schwer, so dass eine allmähliche Ablösung von der Klinik verbunden mit behutsamer Konfrontation mit dem häuslichen Milieu eine gern in Anspruch genommene Hilfestellung darstellt. Die Tagesklinik steht allerdings nicht nur Patienten im Anschluss an vollstationäre Aufenthalte zur Verfügung, sondern auch niedergelassene Nervenärzte und sozialpsychiatrische Beratungsstellen überweisen häufig Patienten direkt in die Tagesklinik, z.B. wenn dies als adäquate Form der Behandlung erscheint oder hierdurch möglicherweise eine stationäre Unterbringung vermieden werden kann.

Unter Einbeziehung der neuen Tagesklinik als teilstationärer Einrichtung verfügte die Langenhagener Klinik bis Anfang der 80er Jahre über 223 Betten/Plätze. Durch die eingetretene Erweiterung des teilstationären und sonstigen Versorgungsangebotes im Einzugsbereich der Klinik (verschiedene neu entstandene Übergangswohnheime) bedingt konnte Ende 1982 die ursprüngliche Tages- und Nachtklinik in Langenhagen mit 30 Plätzen geschlossen werden, was zu einer Reduzierung der Gesamtkapazität auf 198 Betten/Plätze führte.

Im Zuge der damals verstärkt geführten öffentlichen Diskussion um eine humanere Gestaltung psychiatrischer Behandlungssettings - die Erkenntnisse der "Psychiatrie-Enquete" (1975) und Vorgaben einer im Anschluss daran eingesetzten Expertenkommission spielten hier eine wesentliche Rolle - hatte auch die Langenhagener Klinik Bundes- und Landeszuschüsse erhalten, damit verschiedene Missstände behoben werden konnten. So hatten sich die baulichen - genauer gesagt die räumlichen - Bedingungen in Anbetracht des dauerhaft ungünstigen Verhältnisses von Bettenzahl zu Zimmergröße vor allem im Intensiv-Bereich als unzumutbar erwiesen. Die entstandenen räumlichen Engpässe waren für die dort untergebrachten Patienten, insbesondere für erfolgversprechende therapeutische Bemühungen, nicht mehr akzeptabel.

Baubeginn für das 1976 geplante Zentralgebäude war im Mai 1982. Mit einem finanziellen Aufwand von 13 Mio. DM wurde der Bau drei Jahre später fertiggestellt. Im Frühjahr 1985 konnte - unter Beibehaltung der Bettenzahl (143 vollstationär, 55 teilstationär) - das neue Hauptgebäude eingeweiht und in Betrieb genommen werden. In der Folgezeit wurden auch diverse Gebäude aus dem Altbestand der Klinik saniert, so dass der atmosphärische Rahmen für die Unterbringung nun deutlich besser gestaltet ist. Zu nennen ist die 1994 erfolgte Übernahme eines Gebäudes, das bis dahin vom Altenzentrum Eichenpark genutzt wurde. Nach Abschluss der Renovierungsarbeiten zogen in dieses "Haus im Park" drei Spezialstationen und die beiden Funktionsbereiche Arbeitstherapie bzw. Ergotherapie ein.

Die Nervenklinik Langenhagen wurde Ende 1994 in "Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie" umbenannt. Diese Namensänderung entspricht dem Trend, durch eine zutreffende Bezeichnung auf die inhaltliche Orientierung klinischer Einrichtungen hinzuweisen.

Mitte 1994 zogen mehrere Stationen und Funktionsbereiche auf dem Klinikgelände in ein anderes Haus. Von diesen Maßnahmen betroffen war auch ein Gebäudekomplex des Altenzentrums Eichenpark ("Haus Weidengrund"), welches nach gründlicher Umgestaltung und Sanierung als "Haus im Park" von der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie übernommen wurde. Mittlerweile sind dort neben den beiden Bereichen Arbeitstherapie und Ergotherapie drei offene psychiatrische Behandlungsbereiche untergebracht, und zwar die Stationen 3, 4 und 5.

 

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