Die "Nervenklinik Langenhagen" im III. Reich

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Am 1. April 1938 übernahm die Stadt für einen Kaufpreis von 2,25 Mio. RM die bisherige Provinzialanstalt als zentrales Pflegeheim für hilfs- und pflegebedürftige Personen.

Gleichzeitig erfolgte eine Trennung in ein Alten- und Pflegeheim (spätere Bezeichnung "Feierabend") mit einer angeschlossenen Abteilung für Geistesschwache (insgesamt ca. 830 Betten) einerseits und eine Spezialeinrichtung für Nervenkranke andererseits. Leiter des erstgenannten Bereiches war zu dieser Zeit der erste Oberarzt Dr. med. Ernst Rinne.

Der bislang als "Beobachtungsstation" bezeichnete andere Bereich, dem ebenfalls Dr. Rinne bis zum 15.10.1938 vorstand, umfasste damals 56 Betten und wurde nach einer im Oktober 1938 begonnenen baulichen Modernisierung in "Nervenklinik Langenhagen" umbenannt. Das dort beobachtete und verpflegte Klientel bestand aus solchen "Geisteskranken aus dem Stadtgebiet Hannover", die "ohne der Aufnahme in eine Irrenanstalt zu bedürfen, wegen vorübergehender geistiger Störung (...) zeitweise in Verwahrung genommen werden" müssen.

Als Chefarzt der Nervenklinik, die fortan Aufnahmeklinik für Hannover war, wurde der zuvor in der Psychiatrischen und Nervenklinik der Universität Köln tätige Dozent Dr. Hermann Stefan (Schüler von Prof. de Crinis) eingesetzt. Er beschrieb den Zustand der Klinik bei der Übernahme als "trostlos" und die Behandlungsbedingungen als "untragbar". Bemängelt wurde nicht nur das Fehlen labortechnischer Einrichtungen zur Durchführung normaler Aufnahmeuntersuchungen, sondern auch die unwürdigen Unterbringungsbedingungen der Kranken.

Im Sommer des Jahres 1939 wurde die Nervenklinik auf 106 Betten erweitert (Haus I, jetziger Altbau, mit 40 psychiatrischen und 40 neurologischen Betten sowie Haus II mit 26 Betten). Die Umsetzung von Plänen zur Vergrößerung der Nervenklinik auf 150 bis 200 Betten wurde durch den Kriegsausbruch verhindert. Im Jahr 1940 betrug die Zahl der Aufnahmen von Männern 506 und für Frauen 510 Kranke. Chefarzt Dr. Stefan schreibt in einer Pressemitteilung im Februar 1940, dass ein "vollkommen modernes Therapiezimmer mit allen hierfür nötigen elektronischen Behandlungs- und Bestrahlungsapparaten neuester Art" eingerichtet werden müsse, die "sich bisher ausgezeichnet bewährt" hätten und durch die "der Krankenhausaufenthalt wesentlich abgekürzt" werden könnte.

In der Klinik behandelt wurden in der Zeit seit 1938, wie es damals hieß, "Erb- und Gemütskranke", "Beobachtungsfälle" sowie Menschen mit "Erkrankungen des Zentralnervensystems bei Erbanlageschädigungen, mit Biopathien, (...), toxischen Erkrankungen des Zentralnervensystems, infektiösen Erkrankungen des Gehirns und Rückenmarks, (...), Hirngeschwülsten, Rückenmarksgeschwülsten, traumatischen Erkrankungen des Nervensystems nach Kopf- und Rückenmarksverletzungen u.a.m.". Sog. chronische Fälle, d.h. längerfristig anstaltsbedürftige Patienten, wurden hingegen nach Erstellung eines Gutachtens an das Städtische Wohlfahrtsamt in andere Heil- und Pflegeanstalten verlegt. Hierfür kamen die Einrichtungen in Wunstorf, Göttingen, Lüneburg und Ilten in Frage. Im Jahre 1940 wurden insgesamt rund 1000 Patienten aufgenommen. An Personal standen im gleichen Jahr neben 3 Ärzten 39 Pflegekräfte zur Verfügung sowie eine technische Assistentin, 3 Verwaltungskräfte und ein Mitarbeiter im Wirtschaftsdienst.

Bezeichnend für den Geist der Zeit sind auch Beschwerden des Leiters der Nervenklinik, die er gegenüber dem Gesundheitsdezernat bezüglich des "nicht ausreichend abgesonderten Schwachsinnigenhauses in unmittelbarer Nähe der Nervenklinik" äußerte, deren Bewohner "täglich an der Klinik vorbeilaufen, z.T. barfuß, ohne Hemd, singend und johlend (...) und Besucher und Angehörige der Kranken belästigen".

Mit der Rolle psychiatrischer Anstalten Niedersachsens im Nationalsozialismus, insbesondere ihrer Beteiligung am sog. "Euthanasieprogramm" der Nazis hat sich der Arzt Thorsten Suesse, auch anhand von Einzelschicksalen Langenhagener Patienten, im Rahmen einer Dissertation (1984) befasst.

Suesse beschreibt, dass damals durch mangelnden Widerstand von Psychiatern bzw. durch deren naive Bereitschaft, behördlichen Weisungen Folge zu leisten, eine unbekannte Zahl von psychisch Kranken vermutlich der Tötung in den Vernichtungslagern zum Opfer fielen. Den Nachforschungen des Autors zufolge füllten die behandelnden Ärzte im Auftrag des Reichsinnenministeriums sog. Meldebögen aus, die später zur Selektion - im Sinne der Aussonderung und Liquidierung "lebensunwerter" Menschen - verwendet wurden. Die auszufüllenden Patientenlisten enthielten kurze Vermerke zur Art der Erkrankung und andere personenbezogene Einschätzungen.

Ziel der Nazi-Ideologen war, solche Menschen zu identifizieren und zu eliminieren, die unter "unheilbaren Erkrankungen" litten und von daher der Gesellschaft nicht nur durch ihren Anblick sondern auch finanziell "zur Last fielen". Man sprach hier auch abscheulicherweise von "Ballastexistenzen" oder "Menschenhülsen", welchen im Grunde der "erlösende Gnadentod gewährt" werden sollte. Im Sinne des "Gesetzes zur Verhütung erbkranken Nachwuchses" (14.7.1933) galten alle Personen als erbkrank und mussten den sog. Erbgesundheitsgerichten gemeldet werden, die an einer der folgenden Krankheiten litten:

  • angeborener Schwachsinn,

  • Schizophrenie,

  • manisch-depressive Erkrankung,

  • erbliche Epilepsie,

  • erblicher Veitstanz (Chorea Huntington),

  • erbliche Blindheit bzw. Taubheit

  • schwere erbliche körperliche Missbildungen

Die konkrete Umsetzung der Euthanasie-Pläne war zur geheimen Reichssache erklärt worden (Führererlass vom 1. September 1939) und geschah ohne öffentliche Bekanntgabe ab Januar 1940 im groß angelegten Stil (bis Ende August 1941).

Auf der Grundlage weisungsgemäß eingesandter Meldebögen wurden im Rahmen der sog. "T4-Aktion" in Berlin "Verlegungslisten" erstellt und an die Nervenklinik Langenhagen zurückgeschickt. Alle darauf verzeichneten Patienten wurden dann von grauen Bussen einer "gemeinnützigen Transportgesellschaft" abgeholt und zunächst in andere Heil- und Pflegeanstalten verlegt, z.B. in die Wunstorfer Klinik, die pommersche Anstalt Meseritz-Obrawalde oder die Zwischenanstalt Idstein. Von dort aus brachte man die Patienten in verschiedene Vernichtungslager (v.a. nach Hadamar), wo in den meisten Fällen die Ermordung durch Vergasung erfolgte. Damit die tatsächlichen Todesumstände nicht öffentlich bekannt wurden, teilte man anschließend den Angehörigen der Patienten eine natürlich klingende Todesursache mit.

Patienten der Langenhagener Klinik waren zu keiner Zeit direkt von Abtransporten in eines der Vernichtungslager betroffen, da diese von anderen Einrichtungen aus durchgeführt wurden. Zudem wurden in Langenhagen nur wenige Langzeit-Patienten betreut. Menschen mit chronischen Erkrankungen befanden sich überwiegend in den umliegenden Anstalten der Provinz Hannover, vor allem in Wunstorf, Ilten und Hildesheim. Insgesamt sind von Anstalten der Region Hannover mindestens 15 Transporte mit 1669 Kranken nachweislich durchgeführt worden.

Aktenkundig ist z.B. der Fall einer 34jährigen Langenhagener Patientin (Erna B.), die am 17. Juni 1940 nach Wunstorf verlegt und von dort aus am 23. April 1941 zunächst in die Zwischenanstalt Idstein und dann in das Tötungslager Hadamar transportiert wurde. Die Frau war am 7. Mai 1940 von der Polizei nachts auf der Straße in verwirrtem Zustand aufgegriffen und in die Langenhagener Klinik gebracht worden. Dort stellte man die Diagnose einer "beginnenden progressiven Paralyse". Neben "ausgesprochener Affektverflachung", "Gedächtnisschwäche" und "mangelnder Orientierung" stellten die Ärzte fest, dass bei ihr eine "Neigung zu planlosem Umherirren und zur Verwahrlosung" bestehen würde. Weiter war man der Ansicht, dass Erna B. "fortschreitenden Charakterveränderungen" unterliege und "in der Gefahr stehe, immer wieder planlosem Umhertreiben zu verfallen", weshalb sie der Unterbringung in einer geschlossenen Anstalt bedürfe. Damit war ihr Schicksal besiegelt.

Aktenkundig ist, dass der damalige ärztliche Leiter der Langenhagener Klinik, Dr. Stefan, ein linientreuer Nationalsozialist war; er zeichnete z.B. viele offizielle Schriftstücke mit "Heil Hitler" oder "mit deutschem Gruße". Von dem genannten Anstaltsleiter wurden auch Gutachten erstellt, die der "fachlichen" Begründung von Zwangssterilisierungen (auf der Grundlage des "Gesetzes zur Verhütung erbkranken Nachwuchses") dienten. Stefans Gesinnung kommt in einem Schreiben vom 29.10.1938 zum Ausdruck, in dem er unterstreicht, dass wegen des gen. Gesetzes " (...) gerade die Nervenklinik im besonderen Maße mit der Erfassung der Erbkranken auf Grund einer eingehenden neurologischen Diagnostik beauftragt sei", um nicht nur die Gerichte, sondern auch "die städtischen und staatlichen Gesundheitsämter ganz wesentlich (zu) unterstützen". Bezogen auf die "unheilbaren neurologischen und psychischen Krankheitszustände" meint Stefan weiter, dass diese den "Betrieb einer Klinik ungeheuerlich belasten und die notwendigen Betten belegen". Suesse zitiert auch aus einer ärztlichen Stellungnahme des Dr. Stefan, die sich auf die damals 20-jährige Patientin Karla W. bezieht. In dem Gutachten kommt der Psychiater zu dem Ergebnis, dass "von einer ausgesprochenen Lebensbewältigung nicht gesprochen werden" könnte. Ferner sei sie in der Schule zweimal sitzengeblieben und sei auch zum Zeitpunkt der Begutachtung "nur für gleichmäßig wiederkehrende mechanische Arbeiten brauchbar". Am Schluss stellt der Klinikleiter fest, dass bei der Patientin ein "angeborener Schwachsinn im Sinne des Gesetzes zur Verhütung erbkranken Nachwuchses" vorläge, woraufhin am 23. Mai 1939 das Erbgesundheitsgericht Hannover beschloss, dass Karla W. unfruchtbar zu machen sei.

Dr. Stefan schied auf Drängen städtischer Stellen nach eigener Kündigung im März 1943 aus dem Dienst der Nervenklinik Langenhagen aus, nachdem der Gauamtsleiter Dr. Bruns vom "Amt für Volksgesundheit" gegen ihn ein berufsgerichtliches Verfahren wegen "fahrlässiger Ausstellung" eines "erbgesundheitlichen" Gutachtens (im Fall der Elisabeth E.) angestrengt hatte. Man hatte Dr. Stefan mehrfach vorgehalten, seine Berichte sehr dürftig abgefasst und sich z.B. auf einsilbige knappe Begründungen gestützt zu haben, angereichert durch abgeschriebene Kommentare. Sein Nachfolger im Amt des ärztlichen Leiters der Klinik Langenhagen (und der neurologischen Abteilung des Nordstadtkrankenhauses) war Dr. Hans Delbrück (bis Dezember 1945), der bis dahin als niedergelassener Nervenarzt in Hannover praktiziert hatte.

Ob auch jüdische Patienten der Nervenklinik durch Weiterverlegung in andere Anstalten und Abtransport in die Vernichtungslager schließlich dem Holocaust zum Opfer fielen, ist nicht sicher zu belegen. Immerhin existieren zwei Listen, welche die Namen von mindestens 6 Juden (4 Männer, 2 Frauen) enthalten, die von Langenhagen in die Anstalt Wunstorf zu verlegen waren. Ob diese Patienten tatsächlich dorthin kamen, wie es in dem Schnellbrief des Reichsinnenministeriums von Ende September 1940 an die Provinzialverwaltung Hannover angewiesen worden war, bleibt trotz eingehender Recherchen fraglich, denn in den nach Kriegsende angefertigten Verzeichnissen der nach Wunstorf überführten jüdischen Kranken tauchen die betreffenden Namen nicht auf. Aktenkundig ist lediglich, dass am 27.9.1940 insgesamt 152 nach Wunstorf zusammengezogene jüdische Pfleglinge zusammen mit 8 Patienten aus Wunstorf selbst ohne Angabe des Zielortes abgeholt wurden. Ob sich hierunter die fraglichen Langenhagener Juden befanden, ist leider nicht mehr sicher zu klären. Bezeichnend ist allerdings, dass Thorsten Suesse bei der Aktendurchsicht weder einen diesbezüglichen Schriftwechsel zwischen den beiden Anstalten, der Provinzialverwaltung und dem Reichsinnenministerium, noch irgendwelche Anfragen über den Verbleib der Patienten fand.

Zwischen 1943 und dem Ende des zweiten Weltkrieges wurden durch Fliegerangriffe auf dem Gelände des Alten- und Pflegeheims von 61 Gebäuden 28 völlig zerstört und 10 weitere stark beschädigt; bei den Beschüssen kamen insgesamt mehr als 50 Heiminsassen um. Am 5. Januar 1945 wurde das Haus II der Nervenklinik durch Bombardierung zerstört, was eine Reduzierung der Bettenzahl auf 100 zur Folge hatte. Die ärztliche Versorgung der Patienten war dadurch eingeschränkt, dass die männlichen Assistenzärzte zur Wehrmacht eingezogen worden waren und der Chefarzt Dr. Delbrück seinen Dienst als Stabsarzt im Reservelazarett II (Steuerndieb) abzuleisten hatte und nur für einige Stunden am Tag nach seinen Kranken sehen konnte.

Delbrück wurde 1945 von den Aliierten verhaftet und wahrscheinlich wegen seiner Zugehörigkeit zur SA aus dem städtischen Dienstverhältnis entlassen. Obwohl Delbrück seinerzeit vom Landessuperintendenten Calenberg und dem evangelisch lutherischen Pfarramt Langenhagen bescheinigt worden war, dass er "niemals in weltanschaulicher Richtung für die NSDAP eingetreten" sei, sondern "im Gegenteil aus seiner christlichen Überzeugung nie einen Hehl gemacht" habe, kehrte Delbrück später nicht mehr in den Dienst der Nervenklinik zurück. Die ärztliche Leitung der Nervenklinik ging im Januar des Jahres 1946 in die Hände von Dr. Kleinschmidt über, der bis November 1948 als Direktor fungierte.

 

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