Gemeinsam schlauer

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In mehr als 30 spezialisierten Zentren arbeiten KRH-Ärzte interdisziplinär zusammen

Die Tumorkonferenz: Ärzte verschiedener Fachrichtungen und medizinische Experten beraten über die bestmögliche Therapie für jeden einzelnen Patienten.

Quantität ist nicht gleich Qualität? Manchmal eben doch: Nämlich dann, wenn durch eine Vielzahl von Fällen auch ein Gutteil an Erfahrung wächst. Das KRH Klinikum Region Hannover bietet seinen Patienten im Verbund mehr als 30 interdisziplinäre und zugleich hochspezialisierte Zentren an, allein zehn davon für Krebserkrankungen. 

Wer heilt, hat recht. So einfach, so klar. Doch wer hat denn recht? Der Experte für Chemotherapien mit beeindruckenden Überlebensraten seiner Patienten oder der hoch kompetente Chirurg – mit ebensolchen Erfolgsmeldungen? Wer Prof. Dr. Thomas Moesta nach dem Nutzen von zertifizierten Zentren eines Krankenhauses befragt, darf einer Geschichte lauschen – spannend wie ein Krimi.

Ende der 1980er-Jahre tritt der englische Chirurg Bill Heald aus Basingstoke auf einem Ärztekongress einer versammelten Gruppe von Experten der Chemo- und der Strahlentherapie entgegen und behauptet voller Überzeugung, die Überlebensrate der von ihm operierten Darmkrebspatienten sei viel höher – ganz ohne die ergänzenden Therapieformen der verblüfften Kollegen. Glauben will ihm zunächst niemand. Eine Kommission wird in sein Krankenhaus entsandt, fest entschlossen, den Lügner zu entlarven. Prof. Heald behält recht. Ein Wunder? Nein.

Gemeinsam schlauer
Ungefähr zur selben Zeit werden zwei weitere Studien veröffentlicht. Sie belegen erstmals: Dort, wo viel operiert wird, steigt auch im Verhältnis die Zahl der Krebspatienten, die langfristig am Leben bleiben. Prof. Dr. Moesta berichtet von diesen Erkenntnissen noch immer hörbar beeindruckt. Und das ist ebenfalls kein Wunder. „Ich habe 1988 angefangen und kann mich wirklich gut erinnern: Wir haben damals auf dem Krankenhausflur gestanden und über diese Studien diskutiert.“ Rückblickend steht für den Chefarzt des Darmkrebszentrums am KRH Klinikum Siloah fest: „Diese Jahre waren der Beginn einer Entwicklung, die uns langfristig zu dem geführt hat, was wir heute ein Zentrum nennen.“ Nämlich das Zusammenführen der Erkenntnisse aller Fachrichtungen, die mit der Heilung einer Erkrankung zusammenhängen.  

Erst die Kombination neuer chirurgischer Erkenntnisse wie jene des Prof. Bill Heald mit den Erfahrungen etwa der Experten begleitender Therapien ergibt am Ende genau jene Behandlung, die für den einzelnen Patienten die beste ist. Heald erkannte als Erster, wie man am effizientesten ein Mastdarmkarzinom entfernen kann.

Neben den Organkrebszentren des KRH verfügt der Verbund am Standort Siloah noch über ein Onkologisches Zentrum, in dem gleich vier Organkrebszentren vereinigt sind: das Brustkrebs-, das Viszeralonkologische-, das Lungenkrebs- sowie das Prostatakarzinomzentrum. Es ist eines von sechs Onkologischen Zentren in ganz Niedersachsen und bietet auch eine interdisziplinäre Sprechstunde für komplexe Krebserkrankungen an.

Routine im besten Sinne 
Routine in ihrem besten Sinne ist das eine. Für Prof. Dr. Jochen Wedemeyer im KRH Klinikum Robert Koch Gehrden steht das von ihm geleitete Zentrum für Bauchspeicheldrüsenkrebs jedoch noch für etwas anderes, nicht minder Bedeutsames. „Das Team eines Zentrums ist komplett fokussiert auf dieses Organ.“ Die hohe Spezialisierung auf alle Facetten einer Krankheit, die sich wie das Pankreaskarzinom in ganz unterschiedlicher Weise offenbaren kann, beschert dem Patienten eine hoch engagierte Suche nach der für ihn besten Lösung. „Die Erkenntnisse sind klarer und eindeutiger zuzuordnen.“ Alle Mitarbeiter seien auf diese Weise stets auf der Höhe der jeweiligen Forschung. Eine Vielzahl an offenen Fragen kann schneller beantwortet werden: Ist der Tumor operabel? Wie weit ist er fortgeschritten? Existieren bereits Metastasen? Wo sind sie angesiedelt? Und sind womöglich Blutgefäße davon betroffen? Je schneller die Antworten vorliegen, desto schneller kann agiert werden. Immens wichtig bei einer Krebsform, die über eine der schlechtesten Heilungsprognosen verfügt.

Tumorkonferenz im Zentrum
„Zu jedem Zentrum gehören nicht nur Vertreter der verschiedenen Fachabteilungen von der Chirurgie bis zu den Radiologen“, betont der Chefarzt. Psychoonkologen, Mitarbeiter des Sozialdienstes sowie des Palliativdienstes umsorgen den Patienten und – auf Wunsch – auch dessen Angehörige vom ersten Tag an. „Es sind nicht nur die kurzen Wege innerhalb des Krankenhauses, die den Patienten schnellstmöglich von der ersten Diagnose bis zum Beginn der für ihn richtigen Therapie geleiten sollen.“ Wichtig sei eben auch die ganzheitliche Begleitung in dieser überaus schwierigen Zeit.

Auch für Dr. Ulrich Possin, Leiter des Darmkrebszentrums am KRH Klinikum Agnes Karll Laatzen, gehört der regelmäßige Austausch mit allen beteiligten Kollegen in der sogenannten Tumorkonferenz zu den wichtigsten Augenblicken seines beruflichen Alltags. „Jeder bringt seine Erfahrung ein, und gemeinsam ringen wir um die beste Lösung für den Patienten.“ Gerade die Tumorkonferenz, neben den für das Zertifikat von der Deutschen Krebsgesellschaft vorgeschriebenen Mindestfall- und Operateurzahlen einer der elementaren Bestandteile eines Organkrebszentrums, gebe den Beteiligten letztlich eine große Sicherheit. „Bei Tumoren im Darm – deren Heilungschance sehr gut ist – gibt es je nach Ort des Auftretens ganz unterschiedliche Herangehensweisen“, erläutert Dr. Possin. Ob und gegebenenfalls in welcher Reihenfolge beispielsweise eine Operation mit dem Einsatz von Bestrahlung oder Chemotherapie kombiniert werde, müsse jeweils neu erörtert werden. „Erst im Austausch erfahren wir beispielsweise von etwaigen Nebenerkrankungen des Patienten, die die Gabe bestimmter Medikamente womöglich beeinflussen.“

Die schiere Masse der Fälle schafft überdies Strukturen, von denen letztlich alle profitieren: „Wir garantieren unseren Patienten, dass sie spätestens innerhalb von drei Tagen einen Termin zur Vorstellung erhalten“, betont Dr. Possin. „Dies vermeidet schlaflose Nächte krebskranker Patienten, deren Diagnostik- und Therapieweg von uns geführt und begleitet wird.“ Doch auch Komplikationen können in einem großen Zentrum besser aufgefangen werden. „Das sogenannte Rescue-Team bleibt im Training“, erläutert Prof. Dr. Moesta. Eine solche Struktur könne nur vorgehalten werden, wenn die entsprechenden Fallzahlen dies erlaubten.

Dokumentation unabdingbar
Die Erfahrungen des Alltags aber wachsen erst in der detaillierten Dokumentation der Zentren zum zentralen Nutzen für den Patienten. Erst diese genaue Erhebung aller Parameter liefert den Beweis der Qualität, die jedes Zentrum jährlich darlegen muss. Alle drei Jahre muss das Zertifikat neu erworben werden. Die Dokumentation steht daher auch für Prof. Dr. Bernd Schönhofer, Leiter des Lungenkrebszentrums am Klinikum Siloah, an zentraler Stelle. Bislang, so Prof. Dr. Schönhofer, sind 70 Prozent der betroffenen Patienten zum Zeitpunkt der Lungenkrebsdiagnose bereits nicht mehr heilbar. Doch die diagnostischen und therapeutischen Konzepte des Lungenkarzinoms entwickelten sich seit Kurzem in bislang nicht bekanntem Ausmaß. „Diese neuartigen medikamentösen Behandlungen werden die Therapielandschaft des Lungenkarzinoms grundlegend verändern“, betont der Chefarzt.

Gleichwohl erfordere die komplexe Analytik in allen Stadien des Tumorleidens eine umfassende Datenerfassung und Auswertung, um zeitgerecht den optimalen Therapieoptionen und -sequenzen dieser fortschreitend personalisierten Medizin gerecht zu werden, erläutert Prof. Dr. Schönhofer.

Alle sind eingeladen
Die Deutsche Krebsgesellschaft fordere überdies regelmäßige Schlüsselgespräche in der palliativen, also symptomlindernden Therapiesituation. Auch hier werden zudem ambulante Kooperationspartner in die Struktur des zertifizierten Lungenkarzinomzentrums eingebunden. Die Tumorkonferenz, so Prof. Dr. Schönhofer, „ist offen für alle interessierten Kolleginnen und Kollegen“.

Dieses Angebot gelte insbesondere auch für die niedergelassenen Praxen, die Patienten mit Bronchialkarzinom betreuen und Beratung wünschen. Ob Prof. Bill Heald all dies damals geahnt hat? Der inzwischen weltberühmte Chirurg ist bis heute ein viel beachteter Gastredner auf den Ärztekongressen der ganzen Welt. Seine Vorstellung klingt stets simpel: „Ich bin ein englischer Chirurg, der – wie es aussieht – wohl eine sehr gute Idee hatte.“ Dann lacht er kurz und ergänzt mit feinem englischen Humor: „Der Titel meiner Operationsmethode allerdings, der wird wohl auf meinem Grabstein stehen.“

Freitag, 09. Februar 2018