Jeder Schritt zählt

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Nichts schützt so gut vor Krankheiten wie Sport. Und selbst als Heilmittel ist Bewegung alternativlos sagt Sportmediziner Dr. Jörg Geletneky – es kommt dabei nur auf das richtige Maß an.

Kardiologe und Sportmediziner Dr. Jörg Geletneky untersucht und berät aktive Sportler und Wiedereinsteiger.

Die Zahlen sind ein eindeutiger Tritt in den Hintern: Wer sich nicht regelmäßig bewegt, erhöht sein Risiko, vorzeitig zu versterben, um rund neun Prozent. „Ein inaktiver Lebensstil allein ist verantwortlich für das Auftreten von sechs Prozent der Herzkreislauferkrankungen, sieben Prozent der Diabetes-Typ-II-Fälle und sogar zehn Prozent der Brustkrebserkrankungen.“ Dr. Jörg Geletneky braucht nicht lange zu suchen, um diese Zahlen zu belegen. „Kaum etwas ist so gut durch Studien und Zahlen belegt, wie die Förderung der Gesundheit durch Sport.“ Der Facharzt für Innere Medizin, Kardiologie und Sportmedizin am KRH Klinikum Robert Koch Gehrden macht diesbezüglich für keinen eine Ausnahme: „Sport kann jeder machen, und Sport hilft jedem. Man muss nur wissen, was wirklich gut ist für einen – und einige Regeln beherzigen.“

Die reine Lehre empfiehlt 30 Minuten Sport und dies mindestens dreimal pro Woche. Ein Pensum, das sich mancher Arbeitnehmer, womöglich mit Familie, im Alltag zuweilen schwer vorstellen kann. Doch auch für sie besteht Hoffnung. „Wichtig ist, dass man sich überhaupt bewegt. Und dass man dabeibleibt.“ Deshalb empfiehlt Dr. Geletneky, den Alltag ganz grundsätzlich auf mögliche Bewegung hin zu überprüfen. „Die Treppe anstelle des Aufzuges, mit dem Rad kleinere Besorgungen machen anstatt mit dem Auto“, dies helfe mehr, als viele denken. „Die Studien zeigen auch, dass bereits mit dem ersten Ansatz zur Bewegung der größte Erfolg zur Senkung der Sterblichkeit erreicht wird.“ Der größte Fehler sei, nicht zu beginnen oder mit übersteigertem Ehrgeiz zu starten und an seinen unrealistischen Zielen zu scheitern.

800 Meter statt 40 Kilometer

Warum aber tut der Sport so gut? „Die meisten schweren Erkrankungen sind auf chronische Entzündungen zurückzuführen“, erläutert der Internist. Wer sich nicht ausreichend bewege, verbrauche zu wenig Energie. „Der menschliche Körper war zu Urzeiten ausgelegt auf einen täglichen Bewegungsradius von bis zu 40 Kilometern. Für uns übrig geblieben sind gerade einmal 800 Meter am Tag.“ Die Fettzellen liefen in der heutigen hochkalorischen Ernährung stetig Gefahr, überlagert zu werden. „Sie schütten damit viel zu viele Botenstoffe aus“, der Stoffwechsel gerate dabei schnell aus den Fugen. Folgen, die sich nicht nur in Form von Übergewicht mit allen bekannten Nebenerkrankungen zeigten, sondern eben auch durch erhöhte Fallzahlen bei Brust-, vor allem aber Darmkrebs.

Die Folgen des Ungleichgewichts von mangelnder Bewegung bei zu leicht verfügbarer Nahrung schlage sich in der Gesellschaft in Kaskaden nieder: „Die Auswirkungen der Risikofaktoren zeigen sich erst zehn bis 15 Jahre später“, warnt Dr. Geletneky. Die sogenannten Wohlstandsbäuche der 1950er-Jahre trügen heute bereits die 17-Jährigen. „Deshalb steigt die Zahl der Herzinfarkte bereits bei den 35-Jährigen.“

Sport ist kein Mord

Besonders beeindruckend sind für den Sportmediziner die positiven Auswirkungen maßvollen Trainings für bereits erkrankte Patienten. Aber: „Man kann mit Sport auch viel falsch machen“, warnt er. Er empfiehlt Wiedereinsteigern deshalb unbedingt eine sportärztliche Vorsorgeuntersuchung, um Risiken vorzubeugen, und eine Leistungsüberprüfung beim Arzt. Dabei werde ermittelt, mit welcher Wattzahl, also mit welchem Maß der Anstrengung, man beginnen könne und wie das Training daraus entwickelt werde. Bereits erkrankte Menschen müssen überdies eine Regel beachten, die für Gesunde eine geringere Bedeutung hat: „Wer bereits ein Problem mit dem Herzen hatte, sollte zwingend regelmäßig Sport machen. Gesunde dagegen haben kein Problem damit, den Sport auf das Wochenende zu legen und unter der Woche damit auszusetzen.“

Das Aufwärmen ist ein wichtiger Teil des Trainings und sollte immer durchgeführt werden. „Nicht zuletzt, weil sich womöglich doch auftretende Probleme bereits bei einer geringen Belastung zeigen und dadurch die Risiken sinken.“ Dr. Geletneky hat das Phänomen des „plötzlichen Herztods“ dabei durchaus vor Augen, einer akuten schwerwiegenden Durchblutungsstörung, die häufig durch einen plötzlichen Riss eines Gefäßes verursacht wird. Man dürfe deshalb sein Herz nicht förmlich erschrecken durch einen überambitionierten Einsatz einmal pro Woche, sondern sollte ein dem Leistungsvermögen angepasstes Training regelmäßig absolvieren.

Dr. Geletneky zeichnet ein schlüssiges Bild: „Der Sport alleine ersetzt im Zweifel nicht die Kardiologie, aber auch umgekehrt macht ein über den Herzkatheter eingesetzter Stent nicht gesund.“ Nur Sport in Kombination mit Therapie schlössen gemeinsam den Kreis. Dies aber mit Wirkung. „Der Eintritt in den Sport lohnt in jedem Alter“, betont der Facharzt. „Ein gesunder 60-Jähriger kann mit regelmäßigem Sport die körperliche Leistungsfähigkeit eines 40-Jährigen erreichen.“ Vorausgesetzt, man trete dem inneren Schweinehund nachhaltig in den Hintern. „Über Sport nur zu reden, reicht nicht.“

 

 

Montag, 28. Mai 2018

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