Strafe hilft hier nicht

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Klinik für Forensische Psychiatrie und Psychotherapie der KRH Psychiatrie Wunstorf

Das Gebäude der Forensischen Klinik der KRH Psychiatrie Wunstorf.



Wer einem anderen ein Leid zufügt, macht sich strafbar. Eigentlich. Doch was ist mit jenen Menschen, die sich ihrer Schuld gar nicht bewusst sein können? Weil eine Krankheit dies verhindert? Wer sie ins Gefängnis steckt, macht alles nur noch schlimmer, sagt Andreas Tänzer. Er leitet die Klinik für Forensische Psychiatrie und Psychotherapie. Sie behandelt psychisch Erkrankte, die aufgrund ihrer Krankheit straffällig geworden sind.  

Nein, schönreden möchte Andreas Tänzer nichts. Wer Patient seiner Klinik ist, hat eine gravierende Straftat begangen. Es geht um Körperverletzung, vielleicht sogar mit Todesfolge. Es geht um sexuelle Nötigung und Missbrauch. Und nur, wenn es wirklich um Summen mit sehr vielen Nullen geht, auch um Betrug. Und trotzdem lässt der Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie eines nicht zu: „Dass irgendjemand diese Menschen Monster nennt.“

Denn seine Patienten leiden an schweren psychischen Krankheitsbildern wie einer Psychose oder an Schizophrenie. Es kommen oft Suchtprobleme hinzu. Zudem eint sie nicht selten ein Schicksal, das schon in den ersten Lebensjahren ein „normales“ Aufwachsen mit den für uns üblichen Regeln des menschlichen Zusammenlebens unmöglich gemacht hat. „Diese Patienten haben oft bereits im Mutterleib Gewalt und Drogenmissbrauch erlitten“, sagt der Chefarzt. Wer als Kind dies anstelle von Zuwendung und Fürsorge erfahren muss, schafft sich seine eigenen Regeln, beschreibt es Tänzer. „Wer als kleines Kind Essen stehlen muss, um zu überleben, empfindet dies auch später nicht als Unrecht.“ Wer sich, um Gewalt zu entgehen, „durchlavieren“ muss, lernt niemals, wie eine verbindliche zwischenmenschliche Beziehung funktioniert. „Und dann gibt es Menschen, die schon mit einer verminderten Intelligenz auf die Welt gekommen sind.“ Sie können ebenfalls mit Hilfe der richtigen Therapie „nachreifen“, wie es die Mediziner nennen. Eine „unglückliche Kindheit“ allein reicht Tänzer nicht als Rechtfertigung für die umfängliche Therapie in seiner Klinik anstelle einer Haftstrafe oder vor ihrem Antritt. Es muss schon alles zusammen kommen.

Für viele Dinge mögen

In der Öffentlichkeit finden diese Menschen keine Aufmerksamkeit. „Oder nur, wenn es schlechte Nachrichten gibt“, beklagt Tänzer. Wenn sie ausgebrochen sind oder rückfällig wurden. „Dass dies die absoluten Ausnahmen sind, nimmt kaum jemand wahr.“ Auf den Stationen, betont der Facharzt, „sind Menschen, die kann man für viele Dinge mögen. Man muss sich immer klar machen, dass sie unter einer schweren Krankheit leiden.“

Voraussetzung für die gerichtliche Einweisung in die Forensik ist ein Gutachten, das eine Therapie als beste Methode ausweist, um weiteres Unheil zu verhindern. „Die Gesellschaft hat ein Recht darauf, dass ihr kein Leid angetan wird“, hält Andreas Tänzer fest. „Und unsere Arbeit zeigt, dass unsere Therapie dafür das höchste Maß an Sicherheit nach sich zieht.“ Die Rückfallquote liege bei Menschen, die aus dem „Maßregelvollzug“ entlassen werden, bei 5 bis 10 Prozent. „Die Rückfallquote bei Personen, die aus dem Strafvollzug entlassen werden, liegt bei 30 bis 40 Prozent.“

Patienten der Forensik, wie die Klinik kurz genannt wird, erfahren je nach Krankheitsbild eine individuelle Therapie. Sie werden oft medikamentös eingestellt und bei all dem sehr engmaschig betreut. „Wir haben jede Woche eine Lockerungs-Konferenz“, berichtet Andreas Tänzer. Darin beleuchten alle Mitglieder des Teams quer durch alle Berufsgruppen die Entwicklung eines jeden Patienten. „Sobald auch nur ein Mitglied einer Lockerung aufgrund eigener Beobachtungen widerspricht, unterbleibt diese.“

Anerkennung für Mitarbeiter

Andreas Tänzer hat großes Verständnis für die Ängste und Empfindungen der Opfer seiner Patienten. „Doch das Beste dagegen ist eine vernünftige Behandlung unserer Patienten.“ In der Psychiatrie Wunstorf können sie ihre schulische Ausbildung abschließen oder auch eine Berufsausbildung absolvieren. Und sie werden nach ihrer stationären Behandlung oft noch über Jahre ambulant betreut. „Diese Menschen können hier eine Lebensperspektive entwickeln.“

Anerkennung dieser Arbeit und ihres Erfolges wünscht sich der Klinikleiter auch für seine Mitarbeiter. Denn dieses steckten große Anstrengung in ihre Arbeit und trügen eine enorme Verantwortung. „In der Öffentlichkeit wird oft über die Fähigkeit gestritten, wie eine Prognose für solche Patienten gestellt werden könne“, berichtet Tänzer. „Wir sind keine Hellseher. Aber es gibt ein Risikomanagement mit feinmaschigen Checklisten als Frühwarnsystem.“ Letztlich aber könne niemand Ereignisse vorhersehen. „Was passiert in der Beziehung? Welche Ereignisse stürzen auf einen Menschen ein? Das ist für keinen Menschen vorhersehbar.“ Wenn man es danach beurteilen wollte, sagt Tänzer, „müsste man zur Sicherheit alle Menschen einsperren.“

 

 

Donnerstag, 14. März 2019